Kunst, die bewegt. Momente, die bleiben.
Gandersheimer Domfestspiele
Unzählige mitreißende und anrührende Momente durften wir als „USCHI“ vor und hinter den Kulissen der Gandersheimer Domfestspiele miterleben. In unserer letzten Ausgabe möchten wir Sie noch einmal mitten hinein ins Festspiel-Herz entführen, denn zum Glück ist auf eines Verlass: Der Zauber unterm Dom findet kein Ende.
Beim Zurückschauen auf den vergangenen Festspielsommer haben wir immer noch Theaterluft in der Nase, begeistertes Jubeln und Applaus in den Ohren. Intendant Achim Lenz hat mit der Wahl der aufgeführten Stücke rund um das Versprechen „Alles wird gut“ einmal mehr Mut zur Vielfalt bewiesen. Unter anderem sorgten Johnny Cash und Sally Bowles genauso wie ein kleiner König und märchenhafte Gestalten dafür, dass wir uns für eine kurze Zeit von allen alltäglichen Gedanken freimachen durften. Auch an Gänsehautmomenten fehlte es nicht, allerdings überkamen sie uns nicht immer nur als wohlig-warmer Schauer.
Doch starten wir dort, wo sich die oft atemberaubenden Verwandlungen der Künstlerinnen und Künstler beobachten lassen: den Augenblick, wenn durch Make-up, Perücke und fantasievolles Kostüm das Verschmelzen mit der Rolle abgeschlossen ist. Heute ist es ausgesprochen ruhig im Maskenraum. Jeder Handgriff sitzt routiniert, alles ist perfekt für den nächsten Einsatz vorbereitet. Das ist auch zwingend notwendig – müssen Kostümwechsel und Umstyling manchmal in Windeseile vonstattengehen. Der Styroporkopf mit dem fesch frisierten Schopf vom kleinen König Artus darauf hat seinen Platz neben der Haarpracht von Johnny Cash im Regal gefunden. Letztere gibt es übrigens in verschiedenen Varianten, denn Johnnys Altern lässt sich auch auf der Bühne im Verlauf des Stücks nicht aufhalten. Mehr Aufsehen erregen allerdings die in Wasserwellen gelegten und fein gekämmten Frisuren der Kit-Kat-Girls. Ihnen und allem Drama, dem Herzschmerz und bunten Treiben des funkelnden „Cabaret“ gilt heute unsere Aufmerksamkeit.









Im Stück reisen wir zurück in die goldenen 20er-Jahre, ins ausgelassene Nachtleben Berlins, mit emanzipierten, eher frechen Damen, smarten Kerlen und ausgelassener Lebensfreude. Die sexy Looks der Girls entstehen – wie die Outfits jeder einzelnen Figur auf der Bühne – in der Kostümabteilung und Festspiel-Schneiderei. Feen und Elfen werden hier genauso zum Leben erweckt wie Nationalsozialisten – wenn es denn unbedingt sein muss. Wem die Geschichte um Sally Bowles und Clifford Bradshaw in „Cabaret“ bekannt ist, weiß: Es muss. Man könnte das Haus gegenüber der Stiftskirche auch einen Zauberkasten nennen. In jeder Etage über der Kartenzentrale passiert Theatermagie, arbeitet ein eingeschworenes Team mit viel Herzblut daran, dass die Charaktere perfekt werden. In der Abteilung „Tontechnik“ hat weit vor der Abendvorstellung ein Kommen und Gehen begonnen; die Darstellerinnen und Darsteller werden geduldig verkabelt und mit kleinen Mikrofonen versehen. Grundsätzlich – aber gerade in einer Musikshow oder einem Musical – muss die Qualität des Klangs vollkommen sein; dazu muss die Technik allen noch so sportlichen Einlagen sowie Hitze oder Wind standhalten.
Während der Proben haben wir die Kit-Kat-Girls unter herausfordernden Wetterbedingungen erlebt. Es ist immer wieder verblüffend, wie unbeeindruckt alle Künstlerinnen und Künstler von einem regennassen Bühnenboden genauso wie von erbarmungslos strahlendem Sonnenschein bleiben. Wie heiß der Boden bei Hitze wirklich wird, kann man als Zuschauender nur erahnen. Wir erfahren: Sitzen kann man innerhalb der Szenen nicht mehr wirklich darauf. Neben einem anhaltend strahlenden Lächeln braucht es also auch Disziplin und Improvisationstalent.
Im Cabaret-Cast lässt sich niemand von Nebensächlichkeiten ablenken; man spürt auf der Bühne eine große Harmonie und Sicherheit. Kaum zu glauben, dass diese eingeschworene Gemeinschaft erst seit Kurzem in dieser Formation zusammenarbeitet. Im Mai starten die Proben für alle Stücke des Festspielsommers. Diese werden allein für die Gandersheimer Domfestspiele neu gedacht, kreiert und produziert.
Der Prozess kommt gewiss einer Schwangerschaft gleich. Dass das „Baby“ mit Spannung erwartet und von allen sehr geliebt wird, steht außer Frage. Erst wenn sich die Visionen der Regie und Choreografie, die Talente der Künstlerinnen und Künstler mit der Musik des Orchesters und der einmaligen Kulisse verbinden, entfaltet sich das Gesamtkunstwerk. Ob sich Stammpublikum und Festspielneulinge abgeholt fühlen, alle Mühen belohnt werden, zeigt sich erst zum finalen Applaus am Ende der Premieren. Trotz aller Mühen und Anforderungen könnte sich niemand aus der Festspielfamilie eine schönere Arbeit vorstellen. Ob sie wohl alle des Nachts schon von ihren Einsätzen und Textpassagen aus dem Stück träumen, fragen wir in Richtung des allzeit aufmerksamen Tontechnikers hinter der Bühne. „Die Schauspieler vielleicht nicht, aber ich!“, lacht er.
Bad Gandersheim muss schon etwas Besonderes haben – warum sonst sollten Kunstschaffende wie zum Beispiel Frank Bahrenberg, Nadine Kühn und Tim Müller immer wieder dem Ruf dieses „Abenteuers Domfestspiele“ folgen? Sehr wahrscheinlich, weil sich das Wiederkehren wie Heimkommen anfühlt. Auch wenn es fast selbstverständlich ist, dass es selten bei der Besetzung nur einer Rolle bleibt. Das Springen zwischen mindestens zwei Figuren und Welten gehört ein Stück weit zum Engagement, macht aber sicher auch einen besonderen Reiz aus.
Tim Müller zum Beispiel spielte am Nachmittag den Lancelot in „Der kleine König Artus“, am Abend den anfangs freundlich-aufgeschlossenen Ernst Ludwig in
„Cabaret“. Nicht ahnend, in welch düstere Abgründe sich Ernst Ludwig bewegt, verfolgt man voller Spannung die Liebesgeschichte von Sally Bowles, gespielt von Marlene Jubelius, die das Rampenlicht im Kit-Kat-Klub genießt, und dem amerikanischen Schriftsteller Cliff Bradshaw, gespielt von Johannes Krimmel. Erstklassige Gesangs- und rasante Tanzeinlagen reißen rund 1000 Zuschauende mit, begeistern die berühmten Songs wie „Mein Herr“ oder „Life is a Cabaret“, die man von Minnelli kennt. Es zeigt sich ein unbekümmertes Bild voller Freiheit und Vielfalt im vermeintlich sicheren Cabaret – doch der Schein trügt.
Die gezeigten Lebensgeschichten aus dem Jahr 1931 werden längst von der Politik beeinflusst. Freut man sich gerade noch aufrichtig über das späte Liebesglück von Fräulein Schneider, gespielt von Tabea Scholz, und Herrn Schultz, gespielt von Kevin Dickmann, nimmt man die „Braunhemden“ nicht wahr, deren Zahl auf den Straßen Berlins immer größer wird. Der Tag kommt, an dem Ernst Ludwig sich nicht mehr scheuen muss, seine Interessen öffentlich zu vertreten. Nach und nach mutiert er zum Nationalsozialisten. Zur Heirat von Schultz und Schneider soll es so nicht mehr kommen. Sie zieht es vor, einsam zu bleiben, anstatt einen Juden zu ehelichen. Die Szene, in der das Herz des Herrn Schultz zerbricht, ist niederschmetternd. Das Gift der Diktatur zeigt seine Wirkung. Ernst Ludwig wird zur Marionette, selbst die Kit-Kat-Girls zu Mitläuferinnen. Sally und Cliff haben derweil Sorgen, die nicht weniger schwer wiegen. Ein Happy End, so viel ist klar, wird man an diesem Abend vermissen müssen.
Es kommt allerdings – vor allem durch die Dialoge und beeindruckende Choreografie – noch heftiger. Ernst Ludwig hat keine Scheu mehr, auch öffentlich den Hitlergruß zu zeigen. Ein überdimensionales Hakenkreuz wird an der Orchesterbrücke befestigt, die nun uniformierten Darstellerinnen und Darsteller treten nicht einfach gesammelt auf die Bühne, sie marschieren in Springerstiefeln bedrohlich im Gleichschritt, verbreiten ein dunkles Szenario. Im Kern: Herr Schultz, eingeschüchtert, ängstlich, alleingelassen. Es entsteht ein beklemmendes Bild, für das es keine Worte mehr braucht, wofür man sich nur sehnlichst eine Auflösung wünscht.
Erleichterung, als sich der Trupp löst und über die Tribünen stampfend das Theater verlässt. Der Conférencier des Cabarets, gespielt von Hagen-Goar Bornmann, zuerst so charmant und verlockend, zeigt sich ein letztes Mal. Er scheint dem Wahnsinn nahe. Seine finale Frage an das Publikum, bedrohlich, fast verstörend: „Wo sind Ihre Sorgen jetzt?“
Es braucht einen Augenblick. Jeder Kummer fühlt sich gegen die nahende, uns allen bekannte Katastrophe unserer Geschichte banal an. Ein überraschend betroffenes Gefühl, gleichzeitig der Respekt vor der fantastischen Leistung der Künstlerinnen und Künstler und die Tatsache, dass sich im Kopf ganz viel bewegt, machen diesen Abend bei den Gandersheimer Domfestspielen zu etwas ganz Besonderem. Beim verdient tobenden Applaus und Standing Ovations darf sich die Cabaret-Crew noch einmal stolz auf der Bühne präsentieren. Einige Mitglieder des Ensembles haben sich für das Schlussbild schwarze T-Shirts übergezogen. „Nie wieder“ steht groß auf ihnen geschrieben. Dieses Statement, diese Mahnung, nehmen wir mit – genauso wie die wichtige Nachricht: Kunst soll unterhalten, darf aber auch als Auftrag verstanden werden.

Mit „Cabaret“ kam 2025 eine emotional tiefgehende und politisch hochaktuelle Inszenierung auf die Festspielbühne – berührend, tragisch und mit einer klaren Botschaft. Dazu betont Intendant Achim Lenz: „Die Gandersheimer Domfestspiele sind weit mehr als nur ihre Aufführungen vor der Stiftskirche. Sie verbinden Menschen, schaffen Begegnungen und öffnen Räume für Gemeinschaft.
Unser Rahmenprogramm – vom Begrüßungs- und Theaterfest über ‚Freitags im Zelt‘, Lesungen und Konzerte bis hin zum Seniorennachmittag – wurde in diesem Jahr mit großer Offenheit und Neugier angenommen. Sie füllen Stadt und Region mit Leben, schenken Jung und Alt, Paaren und Familien gemeinsame Erlebnisse – und Momente, die bleiben.“
Lenz’ Dank an das Ensemble, es habe „die Welt ein bisschen heller gespielt“, können wir nur unterstreichen. „Mit unserer Arbeit, mit unserer Haltung, mit unserer Kunst konnten wir vielen Menschen Hoffnung geben.“ Es wurden Geschichten erzählt, die wehgetan haben, die zum Lachen und zum Nachdenken und Mitfühlen gebracht haben. Die Resonanz habe ihm gezeigt, dass das Publikum an vielen Abenden nicht nur applaudiere, sondern verändert nach Hause gehe. „Sehr viele konnten unser Spielzeitmotto förmlich spüren: Alles wird gut – weil wir etwas dafür getan haben.“
Freuen Sie sich schon jetzt auf eine Menge Spaß und Emotionen, die der Spielplan für den nächsten Sommer bereithält. Er lädt zum Staunen, Mitfiebern und Feiern ein, möchte Sie mit seinem Motto „Was wäre, wenn“ auch zum Träumen anstiften. In „Die acht Frauen“ geht es sehr kriminalistisch, aber auch lustig zu. Mit „Hello, Dolly!“ steht einer der größten Klassiker des Broadways auf dem Programm. Der süße „Pinocchio“ verzaubert ganz gewiss nicht nur kleine, sondern auch große Festspielgäste. „Das Bildnis des Dorian Gray“ wird Sie ganz unglaublich fesseln, dafür aber „Come Together – Die große Beatles-Show“ vor Begeisterung von den Sitzen reißen. Mit ihr wird die 67. Spielzeit am 19. Juni ’26 eröffnet. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, verschenken Sie doch einfach Vorfreude. Der Kartenvorverkauf ist gestartet, die Kartenzentrale in Bad Gandersheim und der Online-Ticketshop sind geöffnet.
Alle Infos zum Spielplan, dem abwechslungsreichen Rahmenprogramm und Ihren direkten Weg in den Ticketshop finden Sie auf:
gandersheimer-domfestspiele.de
Karten-Telefon: 05382 95533-11






