ROLLATOREN – Einfach wieder raus ins Leben

Wenn die Bordsteinkante und der Buseinstieg zur Qual wird

„Das Leben unserer Generation war immer Kampf – in unserer Jugend ums Überleben, inzwischen darum, nicht gänzlich auf dem Abstellgleis zu landen.“ Training mit der Polizei zeigt, wie ältere Menschen trotz Rollator mobil bleiben können.

Der Bus fährt vor, hält an der Haltestelle, die Türen öffnen sich. Die ältere Dame arbeitet sich mit ihrem Rollator vor, müht sich ab, das Gerät hineinzuwuchten und gleichzeitig selbst einigermaßen sicher zu stehen. Dabei rutscht die Einkaufstasche vom Griff, fällt zu Boden und bevor sie diese wieder aufgehoben hat, schließen sich auch schon die Türen und der Bus fährt ab. Viele Menschen, die nicht mehr uneingeschränkt mobil sind, kennen solche Situationen, die sie letztlich davon abhalten, es noch ein zweites Mal zu versuchen. Jeder Gang aus dem Haus wird für sie ein Abenteuer, da jeder Bordstein, jede Stufe vor einem Geschäft, in dem man einkaufen will, und erst recht der öffentliche Nahverkehr ein Hindernis darstellt, dass es mühsam zu überwinden gilt. Als Fluch und Segen zugleich bezeichnen viele den Rollator, der ihnen kurze Wege hinaus ins Leben erleichtern soll und doch nicht die Flexibilität bietet, die man früher ohne die Gehhilfe hatte.
Doch das ist nur die eine Seite, auf der anderen registriert beispielsweise die Polizei immer mehr Unfälle mit Rollatoren, häufig daher rührend, dass manche Benutzer sich im Umgang mit dem Gerät schwertun oder aber manche Sicherheitsstandards nicht beachten. „Wir werden in Zukunft mehr Rollatoren als Kinderwagen auf unseren Straßen haben“, sagt Dieter Armbrecht vom Team der Verkehrssicherheitsberatung der Polizeiinspektion Northeim/Osterode. Es sei für ältere Menschen wichtig, sich mit dem Rollator auch auf die Straße zu trauen, da dies für sie die einzige Möglichkeit sei, mobil zu bleiben und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, erläuterte Armbrecht, warum die Polizei gemeinsam mit der Freiwilligen Agentur OHA des Paritätischen in diesem Frühjahr erstmals ein Rollator-Training in Osterode anbot.
Schwerpunkte waren zum einen die allgemeine Verkehrssicherheit der Rollatoren, zum anderen ein praktisches Training, um in den Bus hinein und wieder heraus zu kommen. Das Training wurde an zwei Nachmittagen angeboten und stieß auf unerwartet großes Interesse. Beim ersten Termin erläuterte der Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Hameln, Polizeihauptkommissar Andreas Hinz, einige Sicherheitsrisiken und wie man ihnen entgegenwirken kann. So wurden beispielsweise Blinkis an die Teilnehmer ausgegeben, die am Rollator befestigt dazu beitragen, dass man von anderen Verkehrsteilnehmern viel besser gesehen werde.
Anhand einiger Demonstrationen zeigte Hinz dann, wie sich die Standfestigkeit des Gerätes ändert, wenn man es zum Einkaufswagen umfunktioniert. Beim Beladen sollte man immer darauf achten, dass sich der Schwerpunkt zwischen den Rädern befindet, damit das Gerät nicht nach vorne oder hinten zu kippen droht.
Weitere Grundvoraussetzung zur Sicherheit sei auch die richtige Höhe der Griffe. Ein Rollator sei nun einmal eine Gehstütze auf vier Rädern und funktioniere somit auch nur optimal, wenn der Benutzer sich aufstütze. Nur dann erfüllen auch die Bremsen ihre Funktion. „Man sollte immer aufrecht zwischen den Hinterrädern gehen“, riet Hinz. Genau das wurde von den beiden Polizisten bei jedem einzelnen Teilnehmer überprüft und bei Bedarf angepasst.
All diese Kleinigkeiten könnten erheblich zum leichteren Umgang und zur Sicherheit beitragen, ebenso wie das bewusste Handling, wenn es darum geht, einen Bordstein zu überwinden oder durch eine Tür zu kommen, ohne am Rahmen hängenzubleiben.
Am folgenden Nachmittag trafen sich die Senioren, die beiden Polizisten und einige Busfahrer der Verkehrsgesellschaft Osterode und der RBB Göttingen dann zum praktischen Training an der Bushaltestelle. „Das Leben unserer Generation war immer Kampf“, begründete eine über 90-jährige Teilnehmerin ihr Kommen, „in unserer Jugend manchmal ums Überleben, inzwischen darum, nicht gänzlich auf dem Abstellgleis zu landen.“
Im Falle des Busses könne man diesen Kampf jedoch gewinnen, machte Polizist Hinz den Teilnehmern Mut. Der Türgriff sei dabei eine große Hilfe, da er beim Einsteigen für sicheren Halt sorgt. Und wenn man dann nicht in Hektik verfällt, sondern alles langsam Schritt für Schritt macht, klappt es auch, zeigte Hinz und ließ es die Senioren selbst ausprobieren. Erst ganz nah an die Tür heranfahren, den Rollator in den Bus, dann die Hand an den Griff, anschließend einen Fuß nach dem anderen die Stufe hinauf. „Genau wie der Rollator immer mehr Akzeptanz findet, werden auch die Busfahrer für ältere und gehbehinderte Menschen sensibilisiert“, versicherte Polizist Armbrecht, es brauche heute niemand mehr Angst haben, in der Tür eingeklemmt zu werden, wenn man zu langsam sei, zumal das ohnehin durch eine automatische Sperre verhindert werde.
Und wenn man es aus eigener Kraft nicht schaffe, könne man immer noch um Hilfe bitten. Eine Stufe hinauf oder hinab sei meist aus eigener Kraft zu schaffen, doch schon ab der zweiten werde es schwierig und das Unfallrisiko steige. „Es lässt sich nicht alles alleine bewältigen“, riet Hinz deshalb grundsätzlich, „scheuen Sie sich nicht, Leute anzusprechen.“ Meistens seien Menschen sogar froh, wenn man sie direkt um Hilfe bittet, berichteten einige Teilnehmer, von sich aus würden Frauen nämlich deutlich schneller zupacken als Männer. Das wiederum könnte auch daran liegen, dass manche Menschen nicht wissen, wie sie helfen sollen. Grundsätzlich gelte, dem älteren Menschen erst einmal das Gepäck abzunehmen, was schon für viel Erleichterung sorge. Anschließend helfe es am meisten, den Hilfsbedürftigen am Unterarm zu stützen.
All dies wurde nun fleißig geübt, die beiden Polizisten gaben immer wieder Hilfestellungen bis schließlich jeder sicher in den Bus eingestiegen war. Dann wurde noch eine flotte Runde gefahren, um zu demonstrieren, was mit ungesicherten Rollatoren bei plötzlichen Bremsmanövern passiert. „Und versuchen Sie nicht, ihn dann festzuhalten, den auf den Rollator wirkenden Kräften sind Sie nicht gewachsen“, gab Hinz als letzten von vielen hilfreichen Tipps mit. Einige der Senioren waren fest entschlossen, das Gelernte von jetzt an umzusetzen, um eben nicht auf dem sprichwörtlichen Abstellgleis zu stehen.

Text: Christian Dolle Fotos: Dietrich Kühne für Stiemerling Residenzen, Christian Dolle