Mord ist ihr Hobby

Die Harzer Krimiautoren Roland Lange, Rüdiger A. Glässer und Mick Schulz sprachen mit Uschi über das Genre Regionalkrimi, literarische Ansprüche und ihre Intention zu schreiben.

Eine Leiche ohne Gesicht wird aus dem Oderstausee geborgen, ein Journalist beobachtet vom Heißluftballon aus einen Mord im Westerhöfer Wald und ein Ratsherr wird tot auf einer Bank in den alten Goslarer Wallanlagen aufgefunden. In den aktuellen Harzkrimis passiert so einiges. Kein Wunder, denn das Genre Regionalkrimi boomt nach wie vor und manchmal scheint es, jeder, der auch nur eine halbwegs lesbare Geschichte zu Papier bringen kann, würde plötzlich ein Buch auf den ohnehin übersättigten Markt werfen.

Doch nicht jeder Krimi mit regionalem Bezug ist automatisch von minderer Qualität, und auch bei den jeweiligen Autoren stehen verschiedene Intentionen hinter ihrem Schreiben. Roland Lange beispielsweise hat mit „Die Goldregen-Intrige“ bereits seinen dritten Harzkrimi veröffentlicht. Hier ermittelt Kommissar Ingo Behrends im Umfeld einer in der Region bekannten Kellerei, aus der das Rezept für ein neues Trendgetränk gestohlen und der Dieb schließlich ermordet wird. Der Bezug zu tatsächlich existierenden Orten oder in diesem Falle auch Firmen ist eines der Merkmale der Gattung und macht auch den Reiz aus, wenn man Dinge wiedererkennt und dadurch viel näher am Geschehen zu sein meint als in manch anderem Roman. „Aber ich will keinen literarischen Reiseführer schreiben“, betont er, da habe er andere literarische Ansprüche und es soll immer die Geschichte im Vordergrund stehen.
Wenn allerdings im Buch eine real existierende Firma namentlich genannt wird, sei das eine heikle Sache, sagt Lange weiterhin. Daher habe er seine Geschichte mit der Katlenburger Kellerei abgestimmt und ihnen das Manuskript vorher zu lesen gegeben. Dafür gibt es im fertigen Krimi auf der letzten Seite dann einen Gutschein für eine Flasche Sekt als besondere Überraschung.
Etwas anders lief es beim aus Bad Sachsa stammenden Autor Rüdiger A. Glässer, durch dessen ersten Roman sich eine Firma angegriffen fühlte und den Autor sogar verklagen wollte. „Leider kam es dann doch nicht zur Klage“, sagt Glässer, „da ich niemanden namentlich nenne, bin ich rechtlich ja auf der sicheren Seite. Und über die Publicity hätte ich mich gefreut.“ So gibt es dann auch in seinem zweiten Krimi „Die Fährte der Wölfin“ wieder einige Anspielungen, die durchaus als Spitzen ernst gemeint seien. Zudem sei Literatur für ihn immer auch Gesellschaftskritik. Das zeigt sich in seinem neuen Roman ganz deutlich an der Figur eines Obdachlosen, der nicht nur beobachtet, wie die Leiche im Stausee versenkt wird, sondern dessen Lebensumstände zudem sehr nachvollziehbar geschildert werden. „Die Benachteiligung der Kleinen durch die Großen ist ein Thema, das mir am Herzen liegt“, sagt er und will auf einen sozialen Missstand aufmerksam machen, der auch vor der Idylle des Harzes nicht Halt macht.
Mit einem Fall um Korruption und Intrigen im kommunalpolitischen Milieu widmet sich auch Mick Schulz in seinem in Goslar spielenden Krimi „Pfefferbeißer“ einem brisanten Thema. „Ein Buch ohne Brisanz ist kalter Kaffee“, sagt er. Den Reiz für den Leser sieht er in der Frage, ob das, was der Autor schildert, tatsächlich so gewesen sein könnte. Allerdings gehe es ihm keinesfalls darum, Gerüchte in die Welt zu setzen oder real existierende Personen anzugreifen, sondern schlicht um eine spannende und gut erzählte Geschichte. So habe er beispielsweise vor Mitgliedern des Lions Club und somit vor Zuhörern, die wissen, was sich wirtschaftlich und politisch in Goslar abspielt, gelesen und die Reaktionen seien ausnahmslos positiv gewesen.
Er möchte durchs Schreiben in andere Rollen schlüpfen, so diesmal eben auch in die eines Bürgermeisters. „In meinem Leben werde ich wohl niemals Bürgermeister werden, also lebe ich das in meiner Romanfigur aus“, erzählt er. Ebenso wählte er mit Sina Kramer bewusst eine Ermittlerin, zum einen der weiblichen Sichtweise wegen, zum anderen, weil er Frauen bewundere, die Beruf und Familie trotz aller Widrigkeiten unter einen Hut bringen.
Generell möchte Schulz Bilder der Region malen und jene Dinge darstellen, die den Harz für ihn so liebenswert machen. Da biete sich das Genre Regionalkrimi an, obwohl er sich grundsätzlich gegen solche Etikettierungen wehrt. Man schreibe nicht, um die Leser einer gewissen literarischen Sparte zu bedienen, sondern in erster Linie für sich selbst, sagt auch Kollege Roland Lange. Und auch Rüdiger A. Glässer hält den Regionalkrimi für ein interessantes Genre und bemüht sich um Elemente, die typisch für die Region sind, möchte aber auch über den Tellerrand hinausblicken. In seinen Romanen gelingt ihm das durch Parallelhandlungen wie im Falle des neuen Krimis durch die alte Legende der Wölfin, die seinen Kommissar Pierre Rexilius schließlich in den Kaukasus und in die Zeit des Kalten Krieges führt. Diese verschiedenen Ebenen machen die Geschichte für ihn spannend, ebenso wie das Prinzip eines jeden guten Krimis, das mit jeder geklärten Frage eine neue aufwirft.
Durch die Organisation des Krimifestivals Mordsharz, in die er sich seit drei Jahren einbringt, kennt Roland Lange viele Kollegen wie auch die Stimmung bei Lesungen, wo Starallüren die absolute Ausnahme sind und Autoren wie auch ihr Publikum zumeist gleichermaßen begeistert. „Krimileute, speziell die Regionalkrimiautoren, die sind schon eine richtig tolle Truppe“, sagt er und schätzt vor allem die Unverkrampftheit. Das wiederum, glaubt er, könne zum Teil auch an den meist vergleichsweise kleinen Verlagen liegen, wo man sich noch richtig um die Autoren kümmere und ihnen zudem viele Freiheiten lasse.
Diesen Freiheiten mag es zu verdanken sein, dass sowohl Lange wie auch Schulz und Glässer stolz auf den Erfolg ihrer aktuellen Bücher – sie alle verkaufen sich nach Angaben örtlicher Buchhändler sehr gut – und zuversichtlich auf das nächste Buch blicken können. Für Glässer steht dabei außer Frage, dass es wieder ein Fall für Pierre Rexilius mit für den Harz typischen Elementen wird, diesmal verknüpft mit einer Parallelhandlung, die den Kommissar in die indische Mythologie und hinter einige Geheimnisse des Hinduismus führt. Auch Roland Langes nächster Roman wird wieder ein im Harz angesiedelter Regionalkrimi, für den er die Rückkehr des Wolfes in die Region als Hintergrund gewählt hat. Grundsätzlich möchte sich Lange, der auch schon ganz andere Bücher veröffentlichte, jedoch nicht in eine Schublade stecken lassen und glaubt, das vielmehr der Buchdeckel für die strenge Einordnung in ein literarisches Genre sorgt als die Geschichte selbst. Das sieht Mick Schulz ganz ähnlich, der ebenso wie sein Kollege sagt, der Regionalkrimi sei nur eine Facette seines Schreibens. In diesem Sinne schreibt er aktuell an einem politisch geprägten Thriller und hat auch eine Kriminalgeschichte aus dem 18. Jahrhundert in Vorbereitung.
Einig sind sich alle drei Autoren auch in der Auffassung, dass eine positive Resonanz der Leser weit wichtiger ist als literaturtheoretische Anerkennung und noch wichtiger das Gefühl, genau das aufs Papier gebracht zu haben, was man zu Beginn als vage Vorstellung in sich spürte. Dieses persönliche Ausleben umschreibt Schulz mit dem Satz: „Jeder Mensch hat nur ein Leben, nur der Schauspieler und der Autor haben mehrere.“

Wer nun wissen möchte, in welchem der genannten Krimis die Leiche in der Odertalsperre auftaucht, in welchem ein Mord vom Heißluftballon aus beobachtet wird und in welchem ein Ratsherr getötet wird, sollte alle drei Bücher lesen.

Text und Fotos: Christian Dolle



One Comment

  1. Roland Lange wrote:

    Hallo Uschi,

    sehr schöner Artikel, der aus der Standard-Berichterstattung herausragt und das Thema (Regional-)Krimi und ihre Autoren etwas eingehender und differenzierter darstellt.
    Glückwunsch zum gelungenen Uschi-Start und bitte weiter so auf dem Niveau!

    Herzliche Grüße
    Roland Lange