„Leben wie am sonnigen Rhein wird bald am Ringer Graben sein“

Christiane Kilian schenkte uns in Zellerfeld r(h)einen Wein ein.

Als wir hörten, daß sich im Ringer Zechenhaus ein Paar aus dem Rheingau nieder gelassen hat, fragten wir uns, was sie wohl ausgerechnet zu uns führte. Des Einen Fluch kann wirklich des Anderen Segen sein?

Einwohnerschwund, demografischer Wandel oder das Wetter… Es gab nichts, das sie hätte von ihrem Entschluss abbringen können, erzählte uns Neu-Wirtin Christiane Kilian. Wir trafen in Zellerfeld eine sehr positive und starke Frau, die die Chancen unserer Region sieht und aus dem Schwärmen für ihre Wahlheimat schwer wieder raus kommt.

Was zieht ein Paar vom klimatisch verwöhnten Rhein- Maingebiet in den Oberharz, wo –so sagen die Harzer– ein Dreiviertel des Jahres Winter herrscht? Womit konnte der Harz als neue Heimat punkten?

Mein Mann hätte im Alleingang sicher nicht die Idee gehabt, in den Harz zu ziehen. Tatsächlich haben wir das eher meiner Energie zu verdanken. Ich bin in mit dem Taunus verwurzelt und in einem Seitental vom Rhein, also im Wald, aufgewachsen. Von Kindheit an war ich viel in den Wäldern, habe hier gespielt und eine tolle Zeit verbracht. 2007 kam ich durch meine Arbeit im Bereich der Müttergenesung in den Oberharz. So lernte ich die Gegend kennen. Von da an war mir klar, wenn ich die Wahl hätte, würde ich in den Harz ziehen. Denn der Harz ist einfach noch viel schöner als der Taunus. Einfach wilder, mit viel Wasser und Felsen.

Die Begeisterung deines Mannes
hielt sich in Grenzen?

Nein, er war absolut einverstanden mit der Entscheidung. Ich war in den Jahren zuvor wegen meiner vier Kinder recht eingeschränkt. Meine Söhne standen natürlich immer im Vordergrund. Es war aber auch klar, daß ich, nach dem sie erwachsen waren, auch wieder ein eigenes berufliches Leben haben wollte. Ich wollte wieder etwas für mich tun und vor allem zufrieden damit sein können. So habe ich überlegt, was das sein könnte und was ich gut kann. In dem Zuge kam ich nach Altenau. War es auch ein recht kurzer Aufenthalt, habe ich doch auf diesem Wege den Harz entdeckt.

Du durftest gerade einen beispielhaften Harzer Winter erleben. Ist die Schneefräse eher eine Freundin deines Mannes Joerg, oder ist das Schnee schippen bei Euch auch Frauenarbeit?

Bei Anlieferung hat mein Mann die Fräse in unseren Stall gefahren. Danach hat er sie allerdings nicht wieder angefasst (Kilian lacht herzlich). Garten- und handwerkliche Arbeiten, das ist eher meins. Und das ist auch absolut in Ordnung. Im Rhein-Maingebiet ist es im Sommer eher stickig und sehr trocken. Ich genieße das Klima hier, die Temperaturen und die Luft sind doch fantastisch. Wir mussten immer erst in´s Auto steigen, wenn wir ins Grüne wollte. Jetzt sind wir mittendrin.

Dann ist also die Freude darüber hier zu sein, jeden Morgen auf´s Neue …

…riesig!!! Jeden Tag mehrmals. Jetzt wo der Frühling kommt. Die Blumen blühen. Draußen und in der Natur sein, ist doch einfach klasse. Ich freue mich schon jetzt so sehr auf meine neue Bestuhlung, die ich überall aufstelle und dann auf dem Grundstück jeden Tag an einer anderen Stelle sitzen und den Anblick genießen kann.

Es scheint wirklich so, daß das Ringer Zechenhaus nur auf Dich gewartet hat. Würdest Du sagen, daß Euer Zusammenkommen Schicksal ist – Immerhin ist es einst unter anderem für die Grube „Rheinischer Wein“ gebaut worden…

Ja, absolut! Das sollte sicher so kommen. Es gibt viele Zeichen. Sogar auf einem alten Grenzstein, der hier oben auf dem Grund steht, sieht man einen Hinweis dafür. Er hat einst die Grenze von Braunschweig-Wolfenbüttel und Braunschweig-Grubenhagen angezeigt. Auf dem Stein ist tatsächlich eine Wolfsangel drauf, die auch auf dem Wappen von Oestrich-Winkel im Rheingau zu finden ist. Der Ort, in dem ich 8 Jahre gelebt habe und mit dem wir, auch wegen unserer befreundeten Winzer, noch immer verbunden sind.

Ist das Haus, nicht zuletzt wegen des Denkmalschutzes,
eine größere Herausforderung als geahnt?

Das war für mich bis jetzt nicht besonders schwierig. Wir konnten das Haus beziehen, ganz genauso wie es war. Mein Konzept ist passend zum Haus gestrickt. Große Veränderungen waren so nicht nötig. Sicher lag mein Schwerpunkt auf Seminaren und Coaching. Aber da es hier in der Vergangenheit Gastwirtschaft gegeben hat, soll das auch jetzt wieder so sein. Wir überlegten, wie sich das gestalten lassen könnte und fanden die Idee mit der Straußwirtschaft am besten. Alles konnte so bleiben wie es war. Wenn das Haus in Kürze einen neuen Anstrich bekommt, wir der Denkmalschutz natürlich ein Auge darauf werfen.

Wie Du vielleicht weißt, gelten die Harzer als recht stur und eigensinnig. Wie waren Deine ersten menschlichen Begegnungen hier oben?

Absolut positiv! Auch hier zählt der Spruch „Wie man in den Wald hinein ruft…“. Ich bin selbst ein eigentlich netter, fröhlicher Mensch und gehe offen auf die Leute zu. Von daher begegnen mir die Menschen auch positiv. Was mich etwas ärgert, ist die bekannte „Gerüchteküche“ und Aussagen, die schlichtweg nicht stimmen. Eine davon ist, es gäbe bei uns kein Bier. Wer schon einmal hier war, oder unsere Webseite besucht hat, weiß natürlich, daß es sehr wohl auch Bier gibt. Genauso wie anständige Toiletten mit Wasserspülung – keine Holzhäuschen mit Herzchen in der Tür…

Ist Dein Umsiedeln auch von der Angst begleitet, Deine Rheinische Lebensfreude nicht übertragen oder gar auf Dauer festhalten zu können?

Ich hoffe nicht, daß mir diese Freude genommen wird. Ich habe bereits Menschen kennen gelernt, die nach einer Weile der Frust gepackt hat. Aber ich glaube, daß ich selbst in der Lage bin, sie mir zu erhalten und mich mit Leuten zu umgeben, die mich stärken. Im schlimmsten Fall mache ich mir einfach meine Fastnachts- und Schunkellieder an. Bei „Warum ist es am Rhein so schön“ kommt die gute Stimmung ganz bestimmt zurück.

Wenn doch der Erstfall eintritt und Du Dich entschließt, wieder weg zu gehen. Womöglich weil Dir der Altersdurchschnitt doch zu hoch ist….

Clausthal ist total jung! Eine Universitätsstadt… Also ein super Durchschnitt.

Grundsätzlich haben wir es bekanntlich mit einer recht „alten“ Region zu tun. Du hast es sicher schwerer, Gäste und Klienten anzuziehen. Hast Du deshalb Dein Angebot so breit gefächert?

Sicher muss man erst einmal sehen, was ankommt. Mein Schwerpunkt bleiben Seminare und Coaching. Aber die Straußwirtschaft macht mir schon riesen Spaß – Und das konnte ich ja vorher nicht wissen. Alles hier ist absolut ausbaufähig. Die Vorträge, die ich derzeit halte, habe ich bereits fertig liegen und kann mich so auch entspannt um alle anderen Dinge kümmern. In der Zukunft wird es auf jeden Fall neue Projekte geben. Mein Mann und ich können schon jetzt sehen, wie es hier bald boomt.

Was hast Du hier innerhalb des letzten Jahres besonders lieb gewonnen?

Die Straußwirtschaft und die Weinseminare. Natürlich auch die Lage, die ist absolut super. Ich bin außerhalb und im Grünen. Dennoch sind es nur 400 Meter bis zum Ortskern. Ich kann zu Fuß Besorgungen machen oder abends zum Kino ins Pfarrgemeindehaus gehen… Clausthal-Zellerfeld ist für mich genau richtig. Ich habe mir das gut überlegt, wo ich im Oberharz bleiben will und habe entschieden, daß es hier sein soll. Denn es ist von allem da, aber es gibt kein Überangebot. Ich entscheide also „Gehe ich heute ins Kino, oder gehe ich nicht?“ Ich brauche nicht überlegen „In welchen Film gehe ich denn jetzt?“. Das finde ich gut.

Dem aufmerksamen Leser wird spätestens jetzt nicht verborgen bleiben, daß Du ein sehr genügsamer und dankbarer Mensch bist…

Wir haben drei Jahre in Mainz gewohnt. Da kannst du alles machen. Aber wir haben fast nichts davon wahr genommen. Es gibt unzählige Kinos und Theater. Das hat dazu geführt, daß wir, anstelle uns für irgendetwas zu entscheiden, am Ende lieber Zuhause geblieben sind.

Die Straußwirtschaft ist nur eines Eurer Standbeine. Erwachsenen- und Frauenbildung liegt Dir sehr am Herzen. Woher nimmst Du Deine positive Einstellung für das Coaching, Mediation und Konfliktlösungen? Bei jedem noch so großen Problem einen Ausweg zu sehen, Gedanken und Gefühle Anderer sortieren… Rheinische Frohnatur?

Nein, das liegt sicher an dem Weg, den ich selber gegangen bin. An den Erfahrungen, die ich auch mit der Familie und den Kindern sammeln durfte. Und sicher weil ich genau überlegt habe, was ich gut kann. Was mir Spaß macht.

Du machst also was Dir Spaß macht – Und das können sogar die Probleme anderer Menschen sein.

Ja! Ich bin einfach ein lösungsorientierter Mensch. Ich sehe immer schnell, was man besser machen kann. Das stößt nicht unbedingt immer überall auf Gegenliebe. Aber ich gehe schon sehr auf die Leute ein. In der von mir angewandten Methode kommen wir durch Fragen zur Ursache der Probleme und können so recht schnell eine Lösung herbei führen. Mit Hilfe einer Software kann ich alle Gedanken visualisieren. Das macht es leichter, klarer zu sehen und Entscheidungen zu treffen. Bei mir dürfen die Menschen das „Was wäre, wenn…?“ überdenken, zurück blicken, aber auch die Zukunft gestalten.

Du bringst im Zechenhaus Menschen zusammen. Nicht nur Weinproben stehen im Kalender. Man kann Tänze aus aller Welt kennen lernen, es gibt einen Stammtisch für Zugezogene, Treffen in Vollmondnächten, einen Gesprächskreis für hochsensible Menschen und viele Veranstaltungen, die vor allem Frauen interessieren. Würdest Du Dich – auch mit Blick auf Deine vier Söhne – selbst als „starke Frau“ bezeichnen?

Ich glaube schon, daß da ein ganz klarer Zusammenhang besteht, daß ich zur Feministin geworden bin. Das liegt daran, daß ich so eine Männerübermacht Zuhause hatte. Da muss man klar Stellung beziehen und dafür sorgen, nicht unter zu gehen (und sie lacht natürlich dabei).

Denkst Du denn, man kann eine starke Frau und gleichzeitig sehr weiblich sein?

Ja klar, das gehört zusammen.

Gibt es in Deinem Wortschatz überhaupt den Ausspruch „Sie steht ihren Mann!“?

Nein, natürlich nicht.

Und was verbindest Du mit dem Satz „Einer von Euch hat seinen Lippenstift im Bad liegen gelassen“

Der ist grundsätzlich falsch! Das ist ja der Titel einer meiner Vorträge. Es geht mir hier darum, daß wenn die Menschen sprechen, auch das aussprechen was sie meinen. Wenn man nur Frauen meint, dann sollte man sie auch benennen. So ist der Satz einfach falsch. Denn sicher hat kein Mann den Lippenstift liegen gelassen… Kommunikation, Frauen- und Männersprache ist für mich ein sehr wichtiges Thema. Übrigens ist es wirklich toll, wie offen die Menschen hier oben auch diesen Dingen begegnen.

Mit 50 Jahren (Christiane Kilian hat auf ihrer Website ihr Alter verraten) einen Neuanfang zu wagen – Ist das für Dich eher mutig oder ein kalkulierbares Abenteuer?

Das sind eben die „Wechseljahre“.

Du hast diese Bezeichnung und den Lebensabschnitt also wörtlich genommen?

Ja, klar. Komplette Veränderung – Wechsel. Aber, wie gesagt, habe ich mir das sehr gut überlegt. Bevor ich mich selbständig gemacht habe und auf die Haussuche gegangen bin, habe ich bereits vorgehabt, woanders hin zu gehen. Von daher waren das Schritte, die reiflich überlegt waren. Ein sehr langer Prozess, der einige Jahre dauerte.
Würdest Du es wieder so tun?

Auf jeden Fall! Ich habe es bisher keine Sekunde bereut. Ich blicke aufgeschlossen auf die nächsten 10, 15 Jahre und dann schauen wir mal weiter…

Das heißt, dann wird das Sträußchen
vor der Tür wieder abgehängt?

Sehen wir mal. Ich denke jetzt wirklich nicht über das Ende nach, aber ich lasse es mir gern offen. Mit 50 über eine „Endstation“ zu sprechen, finde ich zu früh. Zudem habe ich mit meinem Mann im Rentenalter noch viel vor. Vielleicht gehen wir zurück an den Rhein. Wobei es dann, wegen der Klimaveränderung, womöglich so warm sein wird, daß dort noch nicht einmal mehr ein Riesling wächst….

Und wer will schon am Rhein ohne Rieslingrebe leben? Wenn Du Dir für Dein neues Leben hier etwas wünschen dürftest, was wäre das?

Natürlich mehr Gäste! Und Teilnehmerinnen für meine Seminare…

Da können wir hoffentlich hilfreich sein. Und was fehlt der Region Deiner Meinung nach?

Optimismus. Das halbvolle Glas. Der Blick auf das Schöne und auf das Gute, das es hier überall gibt. Es ist so toll hier, aber leider sehen die Menschen meist nur das Negative. Der Winter zum Beispiel ist so schön, da kann man in anderen Gebieten nur von träumen. Die Landschaft, der Sonnenschein, die Vögel, das ist doch klasse. Wenn man hier sagt „Wie schön die Sonne scheint“ und bekommt als Antwort „Wer weiß, wie lange“.

Es gibt hier ja auch die einzige Uni mit zwei Wintersemestern. Ich würde mir wünschen, daß alle mehr das Schöne transportieren und damit auch mehr Leute aus anderen Regionen anziehen.

Beschreibe den Harz in 3 Worten. Auch wenn Dir das vielleicht schwer fällt.

Allem voran Kultur. Ich komme ja eigentlich aus einer kulturreichen Gegend, aber was man hier sehen kann, ist einmalig. Die Oberharzer Wasserwirtschaft ist so faszinierend. Sich vorzustellen, wie damals mit den archaischen Mitteln so Großes geschaffen wurde. Dann natürlich die Natur. Und die Möglichkeiten. Das riesige Potential, das sich hier bietet. An so vielen Ecken tut sich was.

Dazu passt abschließend perfekt Dein Vers und Motto „LEBEN WIE AM SONNIGEN RHEIN WIRD BALD AM RINGER GRABEN SEIN“. Denn darauf können wir uns ganz gewiss verlassen. Mit Christiane Kilian ist ein wenig frohsinnige Rheinkultur zu uns gekommen und wir sollten uns darauf einlassen. Manchmal kostet es etwas Mühe, die Dinge mit anderen Augen zu betrachten. Spätestens bei einem Besuch am Ringer Zechenhaus dürfen Sie erleben, wie viel Freude auch kleine Sachen machen. Unsere Region ist voller Kostbarkeiten – Halten Sie die Augen offen.

„Wo´s Sträußche´ hängt,
wird ausgeschenkt“

Eine Straußwirtschaft hat keinesfalls mit dem Vogel Strauß zu tun. Die Bezeichnung verdanken die Gasthäuser einem Rebenkranz oder Sträusschen, das an der Türe der Wirtschaft hängt. Es zeigt an, daß das Haus geöffnet ist und lädt zum Eintreten ein. In der Regel werden die Weine des eigenen Gutes ausgeschenkt. Christiane Kilian und Joerg Waldmann kredenzen Ihnen Weine befreundeter Winzer aus dem Rheingau, Rheinhessen und dem Mittelrheintal. Aber auch Sekt, Tresterbrand und Weinbergspfirsichlikör. Flaschenbiere und alkoholfreie Getränke runden das Angebot ab.

Weisheit vom Rhein

„Ein jeder wääß,
zum achte Gläsje
Gehört dem Mensch e
Spundekäsje.
Des reizt de Gaume,
stärkt de Mage –
Korz, mer kann widder
ään vertrage!“
– Adolf Gottron

Infos unter: www.ringer-zechenhaus.com

Text: Elke Rott Fotos: Dietrich Kühne



2 Comments

  1. dkuehne wrote:

    Die asiatische Fischsuppe ist ein Gedicht!

  2. Da bin ich ja mal gespannt, wer hinter dem Slowfood-Konzept steckt!